Heinrich Stefan Noelke                                   Impressum + Kontakt | Home
Texte

Aschenputtel revisited

Die Insel

Talvikki


Talvikki

Die junge Frau hörte zu singen auf und verlor ihren Glanz. Sie trat vom Mikrofon zurück und legte das Schifferklavier auf den Boden, das sie vorher so stolz getragen hatte. Ein betrunkenes Tanzpaar war neben sie gestolpert und richtete sich blöde wieder auf. Sie wartete, bis auch ihr Partner das Lied abbrach. Sie wartete, bis die wenigen Tänzer stehen geblieben waren und sich ihr zuwandten. Trotzig hielt sie die Stille aus, trat ans Mikrofon und war jetzt grau im Gesicht.

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      Ich schreibe Geschichten und bin immer auf der Suche nach einer guten Story. Ihr Name war Talvikki, wie man mir später sagte. Finnin. Sie stand auf der Fähre, die am frühen Nachmittag zwischen Rostock und dem finnischen Hanko in der Ostsee schwamm. Tanztee. Die Autodecks waren bis auf den letzten Platz gefüllt. LKW, die Ware brachten oder holten, deutsche und holländische PKW auf dem Weg in die Winterferien oder finnische auf dem Weg zurück. Viele Russen, die düster in den Sesseln um die Tanzfläche saßen.
      Talvikki hatte keine Bühne, die sie geschützt hätte. Sie stand auf dem gleichen Teppichfußboden wie die Tänzer, für die sie sang. Draußen ein rauschender Nebel, der salzig auf der Haut klebte. Eine schwarze Eisschicht schaukelte um das Schiff herum. Gutes Geld konnte man hier verdienen. Drei Monate lang hin und her, nur samstags die Nacht an Land. Jeden Tag Auslaufen.
      Ohne das Schifferklavier sah man, wie zerbrechlich ihre Glieder waren. Ihre Hose und eine lange Strickjacke waren schwarz. Dazu trug sie einen silbernen Rollkragenpullover. Alles war aus diesen billigen Kunstfasern hergestellt, denen sich jedes Körperhaar entgegenstemmt. Vermutlich wegen der elektrostatischen Aufladung stand sie in weißen Sandalen auf dem Teppichfußboden. Das gab ihr trotz der Abendgarderobe ein mädchenhaftes Aussehen. Sie drückte die Knie durch, wenn sie stand. Das konnte nicht gut für den Rücken sein. Wenn sie sang, verzog sie ihr Gesicht, als ob es weh täte.
      Ihre Stimme war ein Alt, dass sich nur schwer durchsetzte. Es war mehr das Leuchten in ihrem Gesicht als ihr Gesang, das mir aufgefallen war. Ein fast biblisches Strahlen erfasste ihr Gesicht, wenn sie die Töne aus ihrem Körper hervorzuzerren schien, um sie dann mit einem gehauchten „Aaaah…“ zu entlassen. Der Körper schien dafür nicht annähernd genug Masse zu haben. Ihr kleiner Busen zitterte dem langen Vibrato hinterher, dass man Angst bekam, sie könne sich verletzen.
      Jetzt stand sie vor dem Mikrofon und hob die Hände, um es zu greifen, während sie in die stille Runde schaute.
      „Ich …“, begann sie klar und deutlich, unterbrach sich dann und blickte über die Schulter auf ihren Partner zurück.
      Der stand breitbeinig hinter seinen Keyboardtastaturen, die ihm einen Rundumschutz gaben. Er war nicht größer als sie, wirkte aber kräftig genug, um die Musikanlage auf- und abbauen zu können. Grauer Anzug – gut sitzend. Rosa Hemd, graue Krawatte – dezent gemustert. Krawattennadel, Brille, kurze Haare. Sein Gesang war gekonnt, aber er hielt sich zurück. Gute Intonation, die Stimme durchsetzungsfähig. Ein Profi. Jetzt hatte er aufgehört, mit den Füßen zu wippen.
      „Ich bin schwanger!“ Sie schrie plötzlich. Tränen liefen ihr das Gesicht herunter, als sie noch einmal in die Runde blickte, sich dann bückte, um das Schifferklavier an sich zu nehmen, als ob es schon das Baby sei. Dann ging sie mitten durch die Menge davon.
      Das betrunkene Tanzpaar saß danach noch etwas an der Bar. Die meisten anderen Tänzer hatten sich schnell wieder für das Eis interessiert, das um das Schiff herum immer dicker wurde. Der Partner war ihr gefolgt, und als ich eine gute Woche später auf dem gleichen Schiff nach Hause fuhr, spielte eine andere Band. Man kannte ihren Namen noch: Talvikki. Niemand wusste jedoch, wo sie zu Hause war.

© Heinrich-Stefan Noelke, Versmold im Mai 2004


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