Heinrich Stefan Noelke                                   Impressum + Kontakt | Home
Texte

Aschenputtel revisited

Die Insel

Talvikki


Aschenputtel, revisited

Aschenputtel wurde sicher nicht mit diesem Namen geboren. Sie wird anders geheißen haben. Über ihre Mutter weiß man nur, dass sie gestorben ist. Ihr Vater hat neu geheiratet und ist dann ebenfalls verstorben. Jetzt war Aschenputtel mit ihrer Stiefmutter und zwei Stiefschwestern allein. Und hieß jetzt Aschenputtel, weil sie wohl immer staubig und grau von der Arbeit aussah, die sie den ganzen Tag für ihre Familie erledigen musste. … 
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Die Insel

Christina tritt zu den anderen, reibt sich die Hände und streckt sich über das Taufbecken hinweg ihrem Sohn Donatus entgegen, der in der ersten Reihe sitzt: „Kommst du?“ Ihre Augen so streng geöffnet wie den Mund, wartet sie auf die gewünschte Reaktion. Es ist undenkbar, dass ihr Ältester nicht nach vorne träte, aber vor den Leuten zeigt sie gerne, dass sie alles im Griff hat. Er trägt den blauen Matrosenanzug - so, wie sie es gewollt hatte. „Der Vater?“ flüstert der Pfarrer zu ihr hinüber. … 
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Jäger und Sammler

Ein Eichhörnchen betritt eine schummrige Bar, orientiert sich kurz und registriert ein niedliches Streifenhörnchen allein an der Theke. Es stellt sich neben ihm in Positur und lacht es breit und frech an: „Scheinbar mein Hauptgewinn für heute!“ Das Streifenhörnchen lächelt steif zurück: „Ich selbst habe noch nie etwas gewonnen. Ich finde nur laufend etwas!“ Dabei tritt es dem Eichhörnchen fürchterlich auf den buschigen Schwanz, nimmt ihm die Geldbörse ab und bezahlt daraus seelenruhig seine Rechnung.



Talvikki

Die junge Frau hörte zu singen auf und verlor ihren Glanz. Sie trat vom Mikrofon zurück und legte das Schifferklavier auf den Boden, das sie vorher so stolz getragen hatte. Ein betrunkenes Tanzpaar war neben sie gestolpert und richtete sich blöde wieder auf. Sie wartete, bis auch ihr Partner das Lied abbrach. Sie wartete, bis die wenigen Tänzer stehen geblieben waren und sich ihr zuwandten. Trotzig hielt sie die Stille aus, trat ans Mikrofon und war jetzt grau im Gesicht. …
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Wertschätzung

Bob Dylan trifft Madonna auf der Straße und verliebt sich augenblicklich und bedingungslos in sie. „Madonna!“ ruft er aus, „Madonna, erleuchte mich!“ Er wirft sich vor ihr in den Staub. „Geh weg!“ Sie schlägt mit ihrem Cowboyhut nach ihm. „Du bist zu hässlich!“ Madonna steigt über ihn hinweg. Jetzt steht ein glühender Fan vor ihr. Groß und fettleibig - feistes, circa 50 Jahre altes Gesicht - weit fortgeschrittene Glatze - intensiver Körpergeruch. Er bittet sie um ein Autogramm, welches sie ihm fahrig gibt, immer noch schimpfend über Bob Dylan im Staub.